Vom Feuerwehrmodus zurück auf den Fahrersitz – Was Produktmanagement braucht, um wieder strategisch arbeiten zu können
Ein Gastbeitrag von Jürgen Bühler, Personalberater und Inhaber von CAVISIO®
Hier auf dem ProduktManageMentor-Blog gab es im Juli 2021 einen Artikel: „7 Tipps gegen den Feuerwehr-Modus im Produktmanagement“. Darin ging es um Wege, wie man sich aus dem ständigen Firefighting-Modus befreit und wieder mehr Fokus für die wirklich wichtigen Aufgaben gewinnt.
Als Personalberater spreche ich jede Woche mit Produktmanagerinnen und Produktmanagern aus ganz unterschiedlichen Unternehmen. Da lag für mich eine Frage auf der Hand: Hat sich der Feuerwehr-Modus in den vergangenen fünf Jahren eigentlich verbessert? Oder brennt es heute noch genauso häufig?
Für unsere große CAVISIO®-Onlineumfrage im Winter 2025/26 haben wir 244 Fach- und Führungskräfte genau zu ihrem Arbeitsalltag befragt. Die ungeschönte Erkenntnis: Der Feuerwehr-Modus ist auch 2026 allgegenwärtig. Und er ist nur selten die Folge eines schlechten persönlichen Zeitmanagements. Meist steckt ein viel tiefer liegender, systemischer Fehler dahinter.
Der große Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit
In der Theorie ist sich die Chefetage weitgehend einig: In gut der Hälfte der Unternehmen (50,4 %) wünscht sich das Top-Management ein strategisch ausgerichtetes Produktmanagement.
Der Realitäts-Check zeichnet allerdings ein anderes Bild. Bei knapp 55 % von Euch dominieren im Alltag operative Aufgaben wie Supportanfragen, ERP-Pflege oder Vertriebsunterstützung. Nur bei knapp 14% von Euch dominieren die strategischen PM-Aufgaben klar. Beim Rest von Euch sind die Aufgaben ausgewogen verteilt.
Was hindert Euch am meisten am strategischen Arbeiten? Die Top-Antworten unserer Studie sprechen eine deutliche Sprache: Unklare Verantwortlichkeiten (31,1 %) und fehlende Ressourcen wie Zeit und Personal (25,4 %).
Wenn Verantwortlichkeiten schwammig sind, wandert irgendwann jede Aufgabe auf den Schreibtisch des Produktmanagements. Und ehe man sich versieht, wird aus dem Produktmanager das berühmte „Mädchen für alles“ oder – wie es ein Teilnehmer unserer Studie formulierte – der „operative Mülleimer“ der Firma.
In den unzensierten Freitextantworten haben Eure PM-Kollegen das Kind dann auch beim Namen genannt. Ein Teilnehmer fordert ganz klar den Weg „Vom operativen Mülleimer zu strategischem Arbeiten mit Entscheidungsbefugnissen.“ Eine andere Stimme formuliert ebenso deutlich: „Weniger fachfremde Tätigkeiten. Weniger ‚Mädchen für alles‘ und weniger Verantwortung für alles, was mit dem Produkt zu tun hat.“
Oft fehlt aber auch einfach die strategische Leitplanke von ganz oben. Ein Teilnehmer brachte den Frust über diese Orientierungslosigkeit perfekt auf den Punkt: „Mein Unternehmen tut alles für ’nen Deal.“
Wenn das Management für den schnellen Umsatz jede nachhaltige Roadmap über Bord wirft, verpufft selbst die beste strategische Produktarbeit im nächsten Feuerwehr-Einsatz.
Trotzdem gibt es eine Zahl, die Mut macht
Trotz all dieser Herausforderungen ist die Leidenschaft für den Beruf ungebrochen. Denn stolze 40 % der Befragten geben an, mit ihrem Job im Produktmanagement aktuell sehr zufrieden zu sein. Nur 18% der befragten Produktmanager sind eher unzufrieden mit ihrer Rolle.
Das überrascht mich ehrlich gesagt nicht. Denn Produktmanagement gehört für mich zu den schönsten Berufen überhaupt. Ihr gestaltet Zukunft, verbindet Kunden mit Entwicklung, baut Brücken zwischen Abteilungen und übersetzt Kundenprobleme in Innovationen. Genau diese Mischung macht unseren Beruf für so viele Menschen faszinierend.
Die Stellhebel: Raus aus dem Feuerwehr-Modus
Damit diese intrinsische Motivation nicht irgendwann im operativen Dauerstress verloren geht, haben wir die PM-Community gefragt, welche Veränderungen den größten Unterschied machen würden.
Hier sind aus meiner Sicht die drei wichtigsten Aufgaben für das Management – und ein vierter Punkt, bei dem wir Produktmanager selbst gefragt sind.
1. Raus aus der Edelmülltonne (Rollenklärung)
Es braucht endlich eine unternehmensweit glasklare Definition der Rolle des Produktmanagements. Aufgaben aus Vertrieb, Marketing oder Administration gehören dorthin, wo sie fachlich hingehören. Nur so bleibt ausreichend Raum für Marktanalyse, Strategie und Innovation.
2. Produktmanagement gehört auf den Fahrersitz
Produktmanagement benötigt den klaren Rückhalt des Managements. Dazu gehört auch die Befugnis, begründet „Nein“ zu sagen – zu Features, Sonderwünschen oder Einzelentscheidungen, die nicht zur langfristigen Produktstrategie passen.
Wer Verantwortung trägt, muss auch gestalten dürfen.
3. Raus zum Kunden
Eine alarmierende Zahl unserer Studie zeigt, dass fast 72 % der Produktmanager kaum oder gar keine Arbeitszeit beim Kunden verbringen.
Dabei entstehen die besten Produktideen selten im Besprechungsraum. Sie entstehen dort, wo Kunden arbeiten, improvisieren und Probleme lösen müssen.
Wer Discovery ernst nimmt, muss Produktmanager regelmäßig zum Kunden schicken – mit ausreichend Zeit, Freiraum und Reisebudget.
4. Werdet selbst zum Treiber des Wandels!
Das Management muss den Rahmen setzen. Daran gibt es keinen Zweifel.
Aber ich glaube auch: Produktmanager dürfen nicht darauf warten, dass ihnen jemand Verantwortung schenkt. Ihr habt hier auch eine Bringschuld zu erfüllen.
Wer sich als Unternehmer im Unternehmen versteht, sollte sich auch so verhalten. Gute Argumente vorbringen. Veränderungen anstoßen. Freundlich, aber bestimmt Nein sagen, wenn wieder fachfremde Aufgaben auf dem Tisch landen.
Mir gefällt dabei ein Gedanke besonders: Wer sich wie ein strategischer Produktmanager verhält, wird im Unternehmen häufig auch als strategischer Produktmanager wahrgenommen.
Dass knapp 40 % der Teilnehmer unserer Studie Change Management als einen der wichtigsten Future Skills der kommenden Jahre nennen, passt deshalb hervorragend ins Bild.
Produktmanager sind keine Passagiere. Sie gehören auf den Fahrersitz.
Zeitmanagement-Hacks helfen dabei, den eigenen Arbeitstag besser zu strukturieren. Aber um Produktmanagement dauerhaft als strategische Herzkammer eines Unternehmens zu etablieren, braucht es mehr: den Mut des Managements, klare Grenzen zu ziehen und den Mut der Produktmanager, diese Rolle selbstbewusst anzunehmen und auszufüllen.
Mich würde interessieren, wie Ihr das erlebt.
Habt Ihr in Eurem Unternehmen bereits den Platz auf dem Fahrersitz des Produktmanagements erobert? Oder verbringt Ihr noch immer einen Großteil Eurer Zeit im operativen Feuerwehrmodus?
Ich freue mich auf Eure Erfahrungen und den Austausch – gerne über LinkedIN.

Jürgen Bühler ist Personalberater und Inhaber von CAVISIO®. Er begleitet Unternehmen beim Aufbau leistungsfähiger Produktmanagement-Organisationen. Als spezialisierter Personalberater für Produktmanagement unterstützt Jürgen Bühler Unternehmen dabei, genau die Fach- und Führungskräfte zu finden, die Produkte erfolgreich machen. Die vollständigen Ergebnisse der aktuellen CAVISIO®-Studie zum Produktmanagement im DACH-Raum stehen kostenlos zum Download bereit.
